Der 5. Juni 1104. Die Koblenzer Zollrolle

Der älteste Koblenzer Zolltarif, der in einem Diplom von Kaiser Heinrich IV. mit dem 5. Juni 1104 datiert ist, ist für die Wirtschafts- und Handelsgeschichte der Region eine Quelle von herausragender Bedeutung. Man geht zwar davon aus, dass es sich bei diesem Diplom um eine Fälschung handelt, da der Zolltarif aber insgesamt in vier verschiedenen Quellen überliefert ist, gibt es an seiner inhaltlichen Echtheit keinen Zweifel. Die umfassenden Angaben über Zölle und Verkehr, die hieraus zu entnehmen sind, liefern wichtige Informationen über die Handels- und Wirtschaftsbeziehungen im 11. Jahrhundert.  

Für die Wirtschafts- und Handelsgeschichte des Rhein-, Maas- und Moselgebietes des 11. Jahrhunderts ist der älteste Koblenzer Zoll eine wichtige Quelle von herausragender Bedeutung. Diese Zollrolle ermöglicht Einblicke in die "weitgespannten Verkehrsbeziehungen des westdeutschen Binnenhandels und gibt auch eine gewisse Vorstellung von den Transportgütern." Die erste Nachricht über einen Zoll in Koblenz enthält eine Urkunde Kaiser Heinrichs II. aus dem Jahr 1018. Der Königshof Koblenz war einschließlich Zoll und Münze mit dieser Urkunde dem Trierer Erzstift übereignet worden. Bereits 30 Jahre später ging der Koblenzer Zoll in den Besitz des neu gegründeten Stifts St. Simeon in Trier über. "Die Entwicklungsmöglichkeiten des Zolls an einem Platz, der an zwei großen schiffbaren Strömen gelegen war, von denen der eine zu den Haupthandelsstrassen Mitteleuropas in damaliger Zeit gehörte, scheint Erzbischof Poppo nicht recht erkannt zu haben; sonst hätte er wohl mehr Wert auf die Wahrung dieses Besitzes gelegt." Die Urkunde über diese Schenkung aus dem Jahr 1042 ist zwar eine Fälschung, ihre Aussagen zu diesem Vorgang beruhen aber höchstwahrscheinlich auf Tatsachen.

Die älteste Koblenzer Zollrolle ist in insgesamt vier Handschriften überliefert. Am ausführlichsten und aussagekräftigsten ist ein Diplom, das angeblich von Kaiser Heinrich IV. stammen soll und heute in der Stadtbibliothek Trier verwahrt wird. Mit dem Datum vom 5. Juni 1104 bestätigt der Kaiser Zollbestimmungen, die der Trierer Erzbischof Bruno (1202 - 12024) durch die Befragung der vier Schöffen und der familia von Koblenz festgestellt hat und niederschreiben ließ. Dabei handelt es sich ebenfalls um eine Fälschung, bei der besonders auffällt, dass das Schriftstück ein Siegel Kaiser Heinrichs III. trägt, des Vorgängers Heinrich IV. Trotzdem wird der Inhalt als echt angesehen, da die Zollrolle auch in einem Evangeliar des Koblenzer St. Kastorstift überliefert ist. Der Text wurde hier wohl vor 1066 aufgenommen. Darüber hinaus ist auch eine textgleiche Abschrift in einem Einkünfteverzeichnis des Stifts Münstermaifeld aus dem 14. Jahrhundert vorhanden und auf dem Vorsatzblatt einer in Corvey entstandenen Cicero-Handschrift aus dem 12. Jahrhundert.

Alle vier Überlieferungen weisen deutliche Übereinstimmungen auf. Der Inhalt betrifft Passierzölle der Schiffe auf Rhein und Mosel, einen Wegezoll und darüber hinaus Zollrechte des Stifts am Koblenzer Markt. Entscheidend für die Berechnung des Schiffzolls war die Herkunft der Schiffe. Auf der Nord-Südverbindung zwischen Nordsee und Bodensee und der Maaslinie als wichtigste Nebenachse werden in der Zollrolle alle damaligen Handelsort von Bedeutung genannt. Für die Begleichung der Zollsätze wurden entweder Waren oder Geld gefordert. Die Schiffe, die ihren Heimathafen stromaufwärts hatten und an Koblenz vorbeizogen, hatten ihre Waren verkauft und entrichteten den Zoll mit Geld. Dies traf auch für die aus Köln und Bonn kommenden Schiffe zu, die rheinabwärts fuhren, um einzukaufen. Die in Geld zu entrichtenden Gebühren waren unterschiedlich hoch, z. B. belief sich der Zollsatz für Schiffe aus Köln und Bonn, für alle Orte zwischen Lorch und Speyer und für Trier auf vier Pfennige. Sechs Pfennige war für Schiffe aus Straßburg, Regensburg und Würzburg gefordert. Die Gebühren waren also nach dem Herkunftsort bzw. nach der Entfernung gestaffelt. Hieran wird deutlich, wie lohnend der Fernhandel gewesen ist, trotz zahlreicher Zollstationen und nicht weniger Gefahren, die mit dem Transport verbunden waren. "Der Wertzuwachs bestimmter Waren durch Transport über weite Entfernungen muß demnach ganz erheblich gewesen sein, indem nämlich aufgrund allgemein schwieriger Verkehrsverhältnisse nur ein verhältnismäßig schwacher Austausch zwischen den einzelnen Landschaften stattfand."

Außer den Gebühren, die für ganze Schiffe und ihre Ladung zu zahlen waren, enthält die Zollrolle auch noch andere Regelungen. Pro Saumtier mussten vier Pfennig entrichtet werden, genauso wie für jeden Sklaven, der zum Verbrauch gebracht wurde. Es handelte sich dabei wahrscheinlich um einen Wegezoll und weniger um einen Flusszoll. Als Waren sind darüber hinaus Schwerter extra ausgewiesen, von denen jedes zehnte abzugeben war. Auch Jagdfalken waren als reine Luxusgüter mit einer sehr hohen Gebühr belegt. Wie für ein ganzes Schiff mussten pro Falke vier Pfennig bezahlt werden. Auch ein Zoll auf Kupfer wird erwähnt, allerdings ohne genauere Angaben über den Herkunftsort.

Der älteste Koblenzer Zolltarif ist im Wesentlichen bis in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts verbindlich geblieben. Dann wurden allerdings aufgrund der wirtschaftlichen Weiterentwicklungen zahlreiche und tiefgreifende Änderungen vorgenommen. "Mit der Ausbreitung von Stadt- und Geldwirtschaft waren Verkehr, Handel und Münzwesen in eine neue Phase eingetreten."

Quellen

Literatur

  • H. Hellwig: Zur Geschichte des Koblenzer Moselzolls, in: Trierisches Archiv 26/27, 1916, S. 66 - 144    
  • W. Heß: Zoll, Markt und Münze im 11. Jahrhundert. Der älteste Koblenzer Zolltarif im Lichte der numismatischen Quellen, in: Historische Forschungen für Walter Schlesinger, hg. H. Beumann, Köln, Wien 1974, S. 170 - 193
  • J. Kloft: Die Koblenzer Zollrolle, in: Zeugnisse Rheinischer Geschichte. Urkunden, Akten und Bilder aus der Geschichte der Rheinlande. Veröffentlichungen der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz, Neuss 1982, S. 178 - 180
  • Th. Kölzer: Nochmals zum ältesten Koblenzer Zolltarif, in: Aus Archiven und Bibliotheken (Freiburger Beiträge zur mittelalterlichen Geschichte 3), Frankfurt 1992, S. 291 - 310
  • R. Laufner: Der älteste Koblenzer Zolltarif, in: Landeskundliche Vierteljahrsblätter, Jg. 10, Heft 2, 1964, S. 101 f.
  • E. Wisplinghoff: Untersuchungen zur älteren Geschichte des Stiftes St. Simeon in Trier, in: Archiv für Mittelrheinische Kirchengeschichte 8, 1956, S. 92 f.