Der 5. Mai 1809. Judenemanzipation

Mit dem 5. Mai 1809 ist das Protokoll über die Amtseinführung des jüdischen Konsistoriums in Trier datiert, das für die Juden des Saardepartements zuständig war. Auf der Grundlage der napoleonischen Dekrete von 1808 waren die jüdischen Gemeinden auch im linksrheinischen Rheinland organisiert. Die durch das Dekret vom 27. September 1791 erreichte vollständige Emanzipation der Juden in Frankreich, die seit 1801 auch in den linksrheinischen Gebieten Gültigkeit erhalten hatte, wurde durch die Bestimmungen des Jahres 1808 deutlich eingeschränkt.  

Viele Jahrhunderte lang waren Juden erheblichen Beschränkungen im Wirtschafts- und Rechtsleben unterworfen, hatten keinerlei Anteil am bürgerlichen Leben und waren nicht in den allgemeinen Untertanenverband integriert. Dies begann sich im Verlauf des 18. Jahrhunderts langsam zu ändern, was in dem Dekret der französischen Nationalversammlung vom 27. September 1791 am deutlichsten zum Ausdruck kommt. Dieses Dekret gewährte den Juden in Frankreich das Staatsbürgerrecht, d. h. sie verfügten damit über die vollständige Gleichberechtigung mit allen Rechten und Pflichten eines Vollbürgers. Gültigkeit hatte das Dekret natürlich auch in den seit 1801 endgültig zu Frankreich gehörenden linksrheinischen Gebieten Deutschlands.

Es zeigte sich allerdings sehr schnell, dass mit dieser vollständigen Emanzipation zahlreiche Probleme verbunden waren. Jahrhundertelang waren die Juden gezwungen gewesen, in sozialen Randpositionen zu leben, wodurch sie nach der Emanzipation nur zu einem sehr geringen Teil die Möglichkeit hatten, bürgerliche Berufe auszufüllen. Auch weiterhin traten sie in erster Linie als Geldverleiher und Kleinhändler in Erscheinung. Dieser Entwicklung sollte durch weitere Dekrete aus dem Jahre 1808 entgegengewirkt werden. Mit deutlichen Eingriffen in das jüdische Gemeindeleben, der Einschränkung der bisherigen Freizügigkeit, der Überwachung und Konzessionierung der Handelstätigkeit und der Einschränkung von Möglichkeiten jüdische Forderungen vor Gericht geltend zu machen, erhoffte man, eine Änderung einleiten zu können. Diese "Radikalmittel", die für zehn Jahre in Kraft bleiben sollten, waren nicht dazu gedacht, den Emanzipationsprozess zu behindern, sondern vielmehr die Integration in die bürgerliche Gesellschaft fördern. Tatsache war aber, dass nach der Besitznahme des Rheinlandes durch Preußen im Jahr 1815 diese Bestimmungen immer wieder verlängert wurden und somit zu deutlichen Einschränkungen der staatsbürgerlichen Rechte der Juden führten.

Mit diesen napoleonischen Dekreten wurde aber auch "die Organisation der Judenschaft im Kaiserreich" festgelegt. Als Kultbehörde stand an der Spitze der "Große Sanhedrin" in Paris, der mit Selbstverwaltungsrechten ausgestattet war und von den Juden der einzelnen Departements beschickt wurde.

Als regionale Kulturbehörden wurden die jüdischen Konsistorien eingerichtet. Sie überdauerten die Napoleonische Zeit und regelten im Rheinland bis ins 20. Jahrhundert die Bereiche der jüdischen Selbstverwaltung und der staatlichen Beaufsichtigung. Jedes Konsistorium, das normalerweise für die jüdischen Einzelgemeinden eines Departements zuständig war , setzte sich in der Regel aus einem Oberrabbiner und drei jüdischen Laien zusammen. Sie wurden von den 25 jüdischen Notabeln, den am höchsten besteuerten Juden eines Departements gewählt.

Die Familie des Oberrabbiners zählte zu den einflussreichsten jüdischen Familien im Raum Trier, deren Vorfahren sich bis ins 17. Jahrhundert als Rabbiner in Trier nachweisen lassen. Auch zwei der drei Laien, die das Protokoll unterzeichneten, Salomon Levi und Samuel Cahen, gehörten dieser Familie an. Samuel Marx war der ältere Bruder des Anwalts Heinrich Marx, der zwischen 1816 und 1818 zum Protestantismus übergetreten war, um seinen Beruf auch weiterhin ausüben zu können. Heinrich Marx wiederum war der Vater von Karl Marx.

Quellen

  • Dokumentation zur Geschichte der jüdischen Bevölkerung in Rheinland-Pfalz und im Saarland von 1800 bis 1945. Hg. v. der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz in Verbindung mit dem Landesarchiv Saarbrücken.  
    • Bd. 1. Zur rechtlichen Situation der Juden im 18. Jahrhundert, bearb. v. G. F. Böhn. Die Juden in der Französischen Zeit von 1798/1801 bis 1814, bearb. v. E. Bucher, Koblenz 1982
    • Bd. 2. Der Weg zur Gleichberechtigung der Juden, bearb. v. A. Doll, H.-J. Schmidt und M. Wilmanns, Koblenz 1979

Literatur

  • H.M. Klinkenberg: Zwischen Liberalismus und Nationalismus im Zweiten Kaiserreich (1870 - 1918), in: Monumenta Judaica. 2000 Jahre Geschichte und Kultur der Juden am Rhein. Handbuch hg. im Auftrag der Stadt Köln v. K. Schilling, Köln 1964, S. 309 - 384
  • M. Matheus (Hg.): Juden in Deutschland. Mainzer Vorträge, Bd. 1, hg. v. d. Institut für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz, Stuttgart 1995
  • E. Sterling: Der Kampf um die Emanzipation der Juden im Rheinland. Vom Zeitalter der Aufklärung bis zur Gründung des Deutschen Reiches, in: Monumenta Judaica. 2000 Jahre Geschichte und Kultur der Juden am Rhein. Handbuch hg. im Auftrag der Stadt Köln v. K. Schilling, Köln 1964, S. 282 - 308
  • B. Resmini: Juden-Emanzipation, in: Zeugnisse rheinischer Geschichte. Urkunden, Akten und Bilder aus der Geschichte der Rheinlande. Eine Festschrift zum 150. Jahrestag der Einrichtung der staatlichen Archive in Düsseldorf und Koblenz, Neuss 1982, S. 368 - 370
  • S. Volkov: Die Juden in Deutschland 1780 - 1918. Enzyklopädie deutscher Geschichte, Bd. 16, Hg. v. L. Gall, München 1994