Der 4. März 1956. Maßnahmen gegen Nachwuchs- und Facharbeitermangel

Am 4. März 1956 stellte das Landesarbeitsamt Rheinland-Hessen-Nassau in einem ausführlichen Artikel in der Staats-Zeitung für Rheinland-Pfalz seine Maßnahmen vor, mit denen sie dem zu erwartenden Nachwuchs- und Facharbeitermangel entgegenwirkten. Wichtigstes Mittel hierfür war die Information der Jugendlichen, deren Schulentlassung bevorstand und deren Eltern. Hierbei wurden auch ganz neue Formen der Informationsvermittlung entwickelt und angeboten. Wie die berufskundlichen Ausstellungen in Koblenz und Mainz zeigten diese Maßnahmen im Frühjahr 1956 auch erste Erfolge.

"In Rheinland-Pfalz lebt im allgemeinen keine großstädtische, sondern vorwiegend noch eine natur- und landverbundene Jugend, deren Denken stark gefühlsbestimmt ist und die nicht gewohnt ist, einer Fülle von Eindrücken gegenüberzustehen, die zu knapper Beobachtung und zu schneller Reaktion zwingt." So lautete am 5. März 1956 die Einschätzung des Landesarbeitsamtes Rheinland-Hessen-Nassau über die rheinland-pfälzischen Jugendlichen, die sich vor ihrer Schulentlastung über einen zu wählenden Beruf informierten. Dieses Fazit der Fachleute resultierte auch aus der Tatsache, das sich seit der Gründung des Landes Rheinland-Pfalz die wirtschaftlichen Schwerpunkte deutlich verschoben hatten. Sehr lange spielte in den meisten Gebieten des Landes die Landwirtschaft eine herausragende Rolle. Ein großer Teil der Bevölkerung fand hier Arbeit und Einkommen. Wie vieles andere hatten sich aber auch diese Strukturen seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges deutlich verändert. Der Anteil der Land- und Forstwirtschaft am Bruttoinlandprodukt ging deutlich zurück, während das Verarbeitende Gewerbe und das Baugewerbe einen Anstieg verzeichnen konnte. Noch eindeutiger war der Zuwachs in verschiedenen Dienstleistungsbereichen.

Dieser anspruchsvollen Aufgabe kamen die Spezialisten durch verschiedene Angebote und Veranstaltungen nach. "Insgesamt nahmen 25.000 männliche und weibliche Jugendliche zu gleichen Teilen, die 1955 noch einem geburtenstarken Enlaßjahrgang darstellten, die Berufsberatung in Anspruch. Die Zahl der Ratsuchenden, die 1955 bereits eine Lehrstelle oder eine sonstige Berufsausbildung angetreten hatten, beträgt weit über 10.000 männliche und über 6.000 weibliche Jugendliche. Die Lehrbetriebe wurden in den letzten Jahren immer wieder von der Berufsberatung auf den zu erwartenden Nachwuchs- und Facharbeitermangel hingewiesen und aufgefordert, die einmalige Aussicht einer Lehrlingseinstellung wahrzunehmen." Tendenziell sei im Jahre 1955 wie auch bereits in den Jahren zuvor eine deutliche Konzentration der Berufswünsche der Jugendlichen auf bestimmte Berufssparten ersichtlich und auffällig gewesen. "Diese Berufswünsche der männlichen Jugend konzentrieren sich zu über 70 v. H. um 6 Berufe, von denen die Metallberufe nahezu 30 v. H., die kaufmännischen Berufe rund 15 v. H., die Bauberufe weit über 10 v. H., die Elektrikerberufe annähernd 10 v. H., die Nahrungsmittelberufe über 10 v. H. und die Holzberufe über 3 v. H. ausmachen. Die Berufswünsche der Mädchen konzentrieren sich auf folgende Berufe: kaufmännische Berufe fast 40 v. H., Gesundheits- und Körperpflegeberufe 12 v. H., Textilhersteller und -verarbeiter über 12 v. H., hauswirtschaftliche Berufe rund 10 v. H. und Verwaltungs- und Büroberufe etwa 8 v.H. In der Industrie ist die Zahl der gewerblichen Lehrlinge im Verhältnis zu den kaufmännischen und den Büroberufen weniger stark angestiegen. Allgemein ist zu bemerken, daß die Zahlen der Berufswünsche für die kaufmännischen Berufe gegenüber den vergangenen Jahren zugenommen haben, während bei den Jungen die Wünsche für die Holzberufe eine fallende Tendenz zeigen. Dies gilt im übrigen auch für die landwirtschaftlichen und Gartenbauberufe. Auf der weiblichen Seite schwindet die Neigung für die textilherstellenden- und -verarbeitenden sowie für die hauswirtschaftlichen Berufe weiter. Dagegen ist das Interesse für die pflegerischen Berufe weiter geweckt worden."

Hieraus ergab sich die Befürchtung, dass sich die Einseitigkeit der Berufswünsche in den folgenden Jahren weiter verstärken würde und auch durch die geringer werdende Zahl der Schulabgänger zu einem Problem werden könnte. Dieser Entwicklung versuchte die Arbeitsverwaltung entgegenzusteuern. Mit zwei "berufskundlichen" Ausstellungen in Koblenz und Mainz wurde eine ganz neue Form der Information angeboten. Die rund 18.000 Jugendlichen, die diese Ausstellungen besuchten, erhielten nicht nur einen Eindruck von möglichen Berufen durch Schautafeln und Werk- und Schaustücken, sondern vor allem durch die zahlreichen praktischen Demonstrationen der verschiedenen Berufsgruppen. Dieses Informationsangebot wurde sehr gut angenommen und kam insbesondere den Berufssparten zugute, die sich bereits mit einem absehbaren Nachwuchsmangel auseinanderzusetzen hatten.

"Das Landesarbeitsamt hat damit den Jugendlichen und den Erziehungsberechtigten nicht nur die Einsicht vermittelt, daß das Arbeitsamt ein unentbehrlicher Helfer in allen Fragen der Berufswahl und Lehrstellenvermittlung ist, es hat mit den beiden Veranstaltungen insbesondere auch das Ziel verfolgt, die berufskundliche Unterweisung in den Schulen zu unterstützen."

Quellen

  • LHAKo Bestand 713, Nr. 207 Staats-Zeitung. Staatsanzeiger für Rheinland-Pfalz. Herausgegeben von der Staatskanzlei im Auftrage der Landesregierung, 1956    
  • LHAKo Bestand 910, Nr. 891 Nachwuchsmangel in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen, 1955 - 1958

Literatur