Der. 4. Januar 1943. Feldpost aus Stalingrad

Mit dem 4. Januar 1943 ist der letzte Feldpostbrief des Pioniers K. aus dem Kessel von Stalingrad datiert, der im Landeshauptarchiv Koblenz verwahrt wird. Der Kampf um Stalingrad, der zur "Prestigefrage zwischen Hitler und Stalin" wurde, führte zum völligen Untergang der 6. Deutschen Armee und zum unnötigen Tod von mehr als 100.000 Menschen von denen oft nur die letzten schriftlichen Nachrichten in die Heimat blieben. Auch der Pionier K. schilderte ohne Rücksicht auf die Zensurvorschriften die katastrophalen Verhältnisse im Kessel, wodurch auch 60 Jahre danach ein erschütterndes Bild von der dortigen Situation vermittelt werden kann.

Der Kampf um Stalingrad war eine der bedeutendsten Schlachten des Zweiten Weltkrieges. Nach der Niederlage vor Moskau im Winterkrieg 1941/42 war es die Absicht Hitlers, mit einem erneuten Großangriff der deutschen Armeen im Süden der Ostfront, die Sowjetunion doch noch niederzuwerfen. Mit diesem Vorstoß sollte zum einen die Eroberung der Stadt Stalingrad, eines bedeutenden Rüstungs- und Verkehrszentrums an der Wolga, erreicht werden, zum anderen die Einnahme der Erdölfelder im Raum Baku im Kaukasus. Mit der Anweisung beide Ziele gleichzeitig in Angriff zu nehmen, hatte Hitler gegen den Rat seiner Generale gehandelt, die einen Vorstoß in den Kaukasus erst nach der vollständigen Eroberung Stalingrads empfohlen hatten.

Über die Zahl der Todesopfer dieser Schlacht, wie auch über die Zahl der Soldaten, die überlebten und in Gefangenschaft gerieten, gibt es sehr unterschiedliche Angaben. Vermutlich waren ca. 300.000 deutsche und mit ihnen verbündete Soldaten im Kessel von Stalingrad. Zwischen 100.000 und 145.000 sind "während des Kampfes gefallen, erfroren, verhungert, an Seuchen und anderen Krankheiten gestorben." 29.000 bis 45.000 Verwundete, Kranke und Gesunde wurden "unter häufig dramatischen Umständen" aus dem Kessel ausgeflogen. 90.000 völlig erschöpfte, kranke, verwundete und fast verhungerte Menschen gingen in die sowjetische Gefangenschaft aus der nur 6.000 Männer wieder in ihre Heimat zurückkehrten.

Die statistischen Angaben geben nur einen sehr oberflächlichen Einblick in die erschreckenden Lebensverhältnisse der Soldaten im Kessel von Stalingrad. Auch für diese Truppen bildeten Briefe, sogenannte "Feldpostbriefe" die einzige Verbindung zur Heimat. Obwohl die schriftlichen Äußerungen der Zensur unterlagen und das Abfassen von Briefen für viele der Schreiber ungewohnt war, bieten Feldpostbriefe vielfach einen direkten Einblick in den Alltag der Soldaten und ihre physische und psychische Verfassung. Auch aus dem Rheinland bzw. dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Rheinland-Pfalz waren viele Soldaten in Stalingrad. Im Landeshauptarchiv Koblenz werden einige Nachlässe dieser Soldaten verwahrt, die Feldpostbriefe enthalten und Aufschluss geben über ihr Schicksal.

Der erste Brief im Nachlass des Pioniers K. vom 21. August 1942 berichtet über den anstrengenden Marsch in Richtung Stalingrad. "Über 600 km haben wir zu Fuß zurückgelegt. Meine ganzen Füße sind kaputt. Übermorgen geht es weiter nach vorn. ... Tagsüber ist es hier sehr heiß und nachts umgekehrt. Die Verpflegung geht einigermaßen Fisch und Käse, Käse und Fisch schon Wochenlang. ... Wenn wir bloß aus Rußland wieder raus wären. Da sind wir tagelang marschiert ohne ein Haus oder auch nur einen Baum zu sehen. Jetzt ist bald der russische Winter wieder da. Schöne Aussichten." Weitere Briefe der nächsten zwei Monate vermitteln einen Eindruck von der immer schlechter werdenden Versorgungslage, vor allem wird aber beklagt, dass "aus der Heimat" keinerlei Nachrichten und schon gar keine Pakete eintreffen. Ein ausführlicher Brief von Ende Oktober gibt Aufschluss über die Verschlechterung der Situation und die daraus resultierende Stimmung in der Truppe. "Augenblicklich habe ich auch das Hoffen auf ein gesundes Wiedersehen aufgegeben. Aber daran soll man ja nicht denken. Hier in Stalingrad geht es noch sehr heiß hehr" Einen vorläufigen Höhepunkt kann man einem Brief vom 15. Dezember entnehmen. "Ich habe schon fast fünf Wochen keine Post von Dir bekommen. Hier sieht es trostlos aus. Seit vier Wochen essen wir nur noch Pferdefleisch. Vorgestern haben wir eine Katze geschlachtet, Ich kann Dir sagen, was ich nie für möglich gehalten hätte, sie hat wunderbar geschmeckt."

In dem letzten Brief, der mit dem vierten Januar 1943 datiert ist, wird schließlich sehr wenig Rücksicht auf die Zensurmaßnahmen genommen und ausführlich die Situation im Kessel beschrieben. "Wie geht es Dir noch? Hast Du das neue Jahr gut angefangen? Von mir kann ich das grade nicht behaubten. Ich habe jetzt schon sieben Wochen keine Post mehr von Dir bekommen. Es ist zum Verzweifeln. Ihr ahnt vleicht daheim, was mit uns los ist. Es soll nicht sein das wir dafon etwas in die Heimat schreiben aber da kümmert sich keiner mehr drum, Ihr würdet staunen, wenn Ihr uns sehen würdet. Es bleibt ja auch bei der guten Kost nicht aus. Jeden Tag ein paar Esslöffel Wasserbrühe und bis vor paar Tagen zwei Scheiben Brot, als Neujahrsüberraschung gibt es jetzt nur noch eine. Wenn es noch paar Wochen so weitergeht sind wir vollkommen fertig. Am meisten kommt einem die Wut, wenn ich an die zwölf Kilopakete denke, denn die sind so gut wie futsch. Wenn man bedenkt, daheim sparen sie sich mit Mühe und Not die Sachen ab und wir freuen uns schon Wochen vorher auf die Weihnachtspakete und auf diese Weise sind sie am Asch. ... Von jetzt ab brauchts Du nichts mehr zu schicken es kommt ja doch nichts an. Wenn es wirklich wieder so wie früher werden sollte schreibe ich, wenn ich was brauche. Ich bin jetzt Beifahrer aif einem L.K.W. geworden wegen meiner Erfrierung. Sei nun recht herzlich gegrüßt und lass den Kopf nicht hängen. Viele Grüße an Papa, und all anderen. Du brauchst ja nicht weiter zu erzählen was ich geschrieben habe. Und nun nochmals alles Gute. K."

Ob der Pionier K. zu den wenigen Glücklichen gehörte, die noch "in letzter Minute" aus dem Kessel ausgeflogen wurde, ob er einer der vielen war, die in den letzten Tagen des Kessels verhungert, erfroren oder gefallen sind oder in russische Gefangenschaft geriet und als einer der wenigen Überlebenden seine Heimat und seine Familie nach Jahren wiedersehen durfte, ist aus den Akten des Landeshauptarchivs Koblenz nicht zu entnehmen.

Quellen

Literatur

  • A. Beevor: Stalingrad, München 1999    
  • J. Dollwet: Aspekte des Kriegsalltags im Spiegel von Feldpostbriefen, in: Die Zeit des Nationalsozialismus in Rheinland-Pfalz, Bd. 3. Unser Ziel - die Ewigkeit Deutschlands, Mainz 2001
  • A. Holl: Als Infanterist in Stalingrad, Erlangen 1978
  • A. Holl: Was geschah nach Stalingrad. 7 ¼ Jahre als Kriegs- und Strafgefangener in Russland, Duisburg 1965
  • G. Knopp: Stalingrad, München 2003
  • K. Pätzold: Stalingrad und kein Zurück. Wahn und Wirklichkeit, 2002
  • W. Wette u. G. R. Ueberschär (Hg.): Stalingrad. Mythos und Wirklichkeit einer Schlacht, Frankfurt a. M. 1992