Der Sedantag am 2. September 1899

In Erinnerung an die Entscheidungsschlacht im Deutsch-Französischen Krieg wurde der 2. September als nationaler Gedenktag im deutschen Kaiserreich gefeiert. Im Spannungsfeld konfessioneller und politischer Auseinandersetzungen war der Sedantag allerdings kein von der Allgemeinheit akzeptierter Nationalfeiertag sondern spiegelte vielmehr die innenpolitische Situation des Kaiserreichs unter Wilhelm I. und Wilhelm II. wieder. Ende des 19. Jahrhunderts verlor er seine Bedeutung fast völlig und wurde in der Regel nur noch von örtlichen Kriegervereinen gefeiert. Erst aus Anlass des 40. Jahrestages der Schlacht bei Sedan im Jahre 1910 kam es zu einer kurzfristigen Wiederbelebung des Gedenktages.

Im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 hatte die Schlacht bei Sedan am 2. September 1870 und die Gefangennahme Napoleon III. die Entscheidung für Preußen gebracht. Die Siegesnachricht löste in Deutschland spontane Begeisterung aus. Es war also naheliegend, dass das Datum der Entscheidungsschlacht, die so eng mit der Entstehung des deutschen Kaiserreichs verbunden war, als nationaler Feiertag vorgeschlagen wurde. Im Frühjahr 1871 richtete ein Gremium von Persönlichkeiten aus kirchlich-evangelischen und liberalen Kreisen eine Petition an Wilhelm I. mit der Bitte, einen Tag zu benennen, der als Stiftungstag des Reiches gefeiert werden könnte. Der Kaiser antwortete darauf ausweichend. Er erhoffte sich spontane Gedenkfeste der Bevölkerung, die die Erinnerung an die Ereignisse des Krieges aufrechterhalten sollten. An diese Vorstellungen des Kaisers knüpfte der westfälische Pastor Friedrich von Bodelschwingh an, als er im Juni 1871 den 2. September als Tag für ein Dank- und Friedensfest vorschlug. Seit 1873 setzte sich der Sedantag als Feiertag durch, wobei er allerdings niemals amtlichen Charakter erhielt, da ihn Wilhelm I. nicht zum offiziellen Feiertag erklärte.

Der Sedantag wurde in den Gemeinden des deutschen Reiches nach einem weitgehend gleichbleibenden Ablauf gefeiert. Neben Glockengeläut, Kanonendonner, Gottesdiensten und Schulfeiern waren Umzüge, Festbankette, Veteranenspeisungen, Konzerte, Bälle und Feuerwerke an der Tagesordnung. Viele Gemeinden legten darüber hinaus den Grundstein für ein Kriegerdenkmal, das dann in einem späteren Jahr der Öffentlichkeit übergeben wurde. Bereits während dieser frühen Geschichte des Sedantages waren es die Kriegervereine der einzelnen Gemeinden, die die Organisation und Durchführung der Feierlichkeiten in die Hand nahmen.

Der beginnende Kulturkampf, die Auseinandersetzungen des Staates mit der katholischen Kirche, führten im Rheinland bereits seit 1874 zu einer weitgehenden Ablehnung des Sedantages durch die Bevölkerung und zum Boykott durch die katholische Geistlichkeit. Dies brachte es mit sich, dass der Sedantag im Rheinland während der gesamten Regierungszeit Wilhelms I. nicht, wie gewünscht, die Einheit der Nation repräsentieren konnte, sondern vielmehr die Spaltung der Bevölkerung aufgrund der konfessionellen Gegensätze deutlich machte.

Mit dem Regierungsantritt Wilhelm II. 1888 erreichte der Gedenktag zwar einen deutlichen Bedeutungszuwachs, dies vor allem 1895 anlässlich des 25. Jahrestages. Aber auch in dieser Zeit blieb der Feiertag ein Kristallisationspunkt für die innenpolitischen Gegensätze innerhalb des Kaiserreichs, die nicht selten zu Boykott und Gegenveranstaltungen führten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verlor der Sedantag gegenüber anderen nationalen Festen an Bedeutung, die eher über einen aktuellen und persönlichen Bezug verfügten, wie z. B. der Geburtstag des Kaisers am 27 Januar. Entsprechend dem abnehmenden öffentlichen Interesse reduzierte sich auch im Rheinland die Anzahl der Sedanfeiern deutlich, die wie in Montabaur auf die Kriegervereine beschränkt blieben und hier als eine Art "geselliger Vereinsabend" gestaltet wurden.

Quellen

Literatur

  • Hans Hattenhauer: Deutsche Nationalsymbole, München 1990
  • Peter Heil: Kaisers Geburtstag findet nicht statt! Soziale Differenzierungen in Andernach im späten Kaiserreich, in: Andernacher Annalen, 2, 1997/98, S. 41 - 53
  • Hartmut Lehmann: Friedrich von Bodelschwingh und das Sedanfest, in: Historische Zeitschrift 202, 1966, S. 542 - 573   
  • Fritz Schellack: Nationalfeiertage in Deutschland von 1871 bis 1945, Frankfurt am Main 1990
  • Theodor Schieder: Das deutsche Kaiserreich von 1871 als Nationalstaat, Göttingen 1992
  • Ute Schneider: Politische Festkultur im 19. Jahrhundert. Die Rheinprovinz von der französischen Zeit bis zum Ende des Ersten Weltkrieges 1806 - 1918, Essen 1995