Der 1. September 1951. 400 Jahre Winzerfeste in Winningen

Am 1. September 1951 feierte das älteste Winzerfest in Deutschland sein 400. Jubiläum. Diese Erinnerung an die Erntedankfeste der Winninger Winzer, deren beginnende organisierte Durchführung für die Jahre um 1551 vermutet wurde, war bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts die letzte dieser Art und wird, wenn auch in abgeänderter Form, bis heute gepflegt. Im Mittelpunkt des Winzerfestes von 1951 stand die Geschichte einer alten Tradition, die sich vom Erntedankfest, über die sogenannte "Compagnie", die Feierlichkeiten der unverheiratenen Jungwinzer, bis zu dem jährlich stattfindenden Moselfest entwickelte und für den Ort zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor wurde.  

Bis zum Anfang der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts wurden die seit Generationen gültigen "Statuten" der sogenannten "Compagnie" verwendet, die sich wahrscheinlich Anfang des 19. Jahrhunderts aus den mittelalterlichen Überlieferungen entwickelt hatte. Die "Compagnie" war eine Gesellschaft von jungen, unbescholtenen und unverheirateten ortsansässigen Winzerinnen und Winzern, die die eigentlichen Träger und Gestalter der Feierlichkeiten waren. Eine qualitativ und quantitativ besonders gute Ernte war unabdingbare Voraussetzung für die Bildung einer "Compagnie". War zum Ende der Weinlese ein guter Ertrag abzusehen, kamen die jungen Männer zusammen, um die "Compagnie" zu beschließen, einen Vorstand zu wählen und die in Frage kommenden Mädchen anzumelden, die dann auf einer eigenen Versammlung ebenfalls eine Vorsteherin bestimmten.

Die "Compagnie" mit ihrer traditionellen Festkleidung - die "Jungen" im schwarzen Gehrock und Zylinder, die Mädchen in langen weißen Kleidern und "schwarzen Stiefelchen"-, den Festumzügen, den Tanzveranstaltungen und dem gemeinsamen Festmahl an der mit altem Zinngeschirr gedeckten Tafel wurde im Jahre 1930 zum letzten Mal gefeiert. Seit 1933 begann das "Moselfest" an seine Stelle zu treten, das immer mehr von der strengen Reglementierung der "Statuten" abwich. Mit dem Ausbruch des Krieges kam das Winzerfest in Winningen vollständig zum Erliegen und wurde erst 1949 wieder entdeckt.

Die jetzt jährlich stattfindenden Feierlichkeiten nahmen aber immer noch einen ganz besonderen Platz "unter den zahlreichen dionysischen Festen" ein und dies um so mehr, als im Jahr 1951 das 400. Jubiläum des Winzerfestes gefeiert wurde. "Musik, Licht und Farbenpracht werden in den Dienst des großen Weingottes gestellt. Samstag und Sonntag wird die Moselkantate vom Rheinischen Philharmonischen Orchester gespielt und Moselbewohner und Moselgäste gleicherweise erfreuen, während am Abend die Mosel, dieser liebliche, kokette und reizvolle Fluß der Sonne und des Weines, ihre Schönheit im prasselnden Feuer der Raketen und Lichtbündel eines Feuerwerks zeigen wird. Am schönsten aber wird der große Festzug mit den alten traditionellen Trachten sein. Für den Fremden ist es nötig zu wissen, daß jeder Straßenzug, jedes Straßenviertel einen eigenen Wagen stellt, immerhin ein gewaltiger Aufwand an finanziellen Mitteln und vor allem an Bereitschaft und Opfersinn." Das Programm dieses Jubiläums stand ganz unter dem Motto "Winningen - Wiege der Winzerfeste". Der Festumzug, an dem insgesamt 16 Fuß- und Wagengruppen teilnahmen, stellte die Geschichte dieser alten Tradition des Winzerortes eindrucksvoll dar. "Voraus die Herolde hoch zu Roß und die Fahnenschwenker, Tambour-Korps und Musikkapelle, Landknechte mit der historischen Winninger Fahne, Graf Sponheim mit Gefolge, Fußgruppe und Wagen "Die Zeit" und eine Wagengruppe "Die Vergangenheit". Die Wagenaufbauten und lebenden Bilder schilderten das Wirken im kleinen Moselort, und sie symbolisierten die Freude, die der Wein allen seinen Freunden schenkt. Auf einem Wagen thronte die Moselkönigin, ein liebliches Mädchen, das seiner moselfränkischen Heimat alle Ehre macht."

Für Winningen, das zur damaligen Zeit mit 100 Morgen Weinbergen und drei Millionen Weinstöcken, die in guten Jahren 1.000 Fuder Wein, das sind zweieinviertel Millionen Flaschen lieferten, über das größte Anbaugebiet an der Mosel verfügte, stand das Moselfest im Mittelpunkt einer sehr erfolgreichen Wirtschaftsförderung, die den Winninger Wein weit über das Rheinland hinaus bekannt machte. Bis heute sind das "älteste Winzerfest Deutschlands" mit seinem aufwendig und liebevoll gestalteten Programm und mit ihm die engen, winkeligen Gassen des wunderschönen Moselortes ein Besuchermagnet geblieben. Viele der zahlreichen Gäste werden nach dem Ende des Festes, wie schon vor 50 Jahren "erinnerungsvoll klagen: O - laßt mich zur Mosel zurück !" "Aber wer den Winninger kennt, der weiß, wieviel Frohsinn, Humor und Lebensfreude in ihm schlummert, ihm, dem altes, weingewohntes Moselblut durch die Adern fließt." Und wer den Winninger kennt, der weiß auch - heute, wie vor 50 Jahren - das nächste Moselfest kommt ganz bestimmt !

Quellen

Literatur

  • H. Bellinghausen: Winningen. Ein deutsches Heimatbuch, Bd. 2, Coblenz 1925    
  • F. Bram: Das Winzerfest zu Winningen, in: Kalender für das Trierer Land, 1923, S. 10 - 14. Abgedruckt in: Festschrift. Das älteste Winzerfest Deutschlands, Winningen 1997, keine Seitenangaben    
  • L. Bürkner: Das letzte Winzerfest im Rheinland, in: Festschrift. Das älteste Winzerfest Deutschlands, Winningen 1984, keine Seitenangaben    
  • R. Holzapfel (Bearb): Winningen im Wandel der Zeit. Heimatgeschichtliche Betrachtungen, Winningen 1965
  • F. Hoffbauer: Weinwerbung und politische Propaganda. Zur Entwicklung des Moselfestes zu Winningen in den Jahren 1933 - 1939, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte, hg. v. H.-G. Borck u. W. Lauffer, Koblenz 1997, S. 529 - 549
  • F. Hoffbauer: 1949 - 1999. 50 Jahre Moselfest zu Winningen nach dem Krieg, in: Festschrift. Das älteste Winzerfest Deutschlands, Winningen 1999, ohne Seitenangaben    
  • E. Krumme: Das Winzerfest in Winningen an der Mosel, in: Rheinische Heimatpflege, Köln 1982, S. 16 - 24
  • E. Krumme: Das alte Winninger Winzerfest und seine "Compagnie", in: Winninger Hefte, Bd. 7, Winningen 1998